Seit heute, dem 08.01.16, wird meine Inszenierung von RENT am Theater Trier nicht mehr in der von mir erarbeiteten und konzipierten Fassung gespielt. Die Erklärung des Intendanten dazu lautet wie folgt:

Verehrtes Publikum, die Aufführungsrechte im Genre Musical unterliegen strengsten Auflagen, da seitens der deutschen Verlage im Falle einer von ihnen nicht verfolgten Abweichung befürchtet werden muss, dass ihnen die großen amerikanischen Lizenzinhaber eben diese Lizenzen entziehen. Dies führt dazu, dass viele Musical-Werke, egal an welchem Haus sie gespielt werden, gleich inszeniert werden müssen und ein künstlerischer Handlungsspielraum kaum gegeben ist. Wenn man aber wie ich Musical neu denken und auch für dieses Genre eine Lesart finden will, die es zu neuem Leben erweckt, ohne die berühmte Copy-and-Paste-Taste zu drücken, bewegt man sich sehr nah an der Grenze des juristisch Möglichen.

Mit der Einführung einer zusätzlichen Figur – der älteren Joanne, die in der großartigen Inszenierung des preisgekrönten Regisseurs Malte C. Lachmann rückblickend auf die 90er Jahre und sich als junge Frau als Bindeglied zwischen Publikum und Bühne fungieren sollte – sahen der Verlag und seine anwaltliche Vertretung ohne die Aufführung je selbst gesehen zu haben, die Grenze der zulässigen Bearbeitung als überschritten und haben uns in einem förmlichen Schreiben zur Streichung dieser zusätzlich eingeführten Figur oder aber zur gänzlichen Absetzung des Stückes aufgefordert.

Um Ihnen dieses wunderbare Werk nicht vorzuenthalten, habe ich mich dazu entschieden, dieser Forderung nachzukommen und die Figur der älteren Joanne zu streichen, bin mir jedoch sicher, dass Sie aufgrund der hervorragenden künstlerischen Leistungen aller Beteiligten dennoch einen tollen Musicalabend erleben werden.

Meinem Ensemble, insbesondere der wunderbaren Carin Filipcic, die die Rolle innehatte, danke ich von Herzen für das Verständnis und die Kooperationsbereitschaft in dem sich daraus ergebenden Veränderungsprozess.

Dr. Karl Sibelius
Generalintendant
Theater Trier

Auf Time4Musical.de gibt es eine sehr erfreuliche Premierenkritik, die nun nachträglich erschienen ist und die auf das Abändern der Aufführungen eingeht. Außerdem hat die Musicalzentrale einen Kommentar zu diesem Vorgang verfasst - ihre negative Kritik hatte der Verlag in seinem Schreiben angeführt. Auch der Trierer Volksfreund äußert sich zu den Geschehnissen und hatte direkt nach der Premiere eine sehr positive Kritik veröffentlicht, in der die jetzt gestrichene Figur als "genialer Kunstgriff" bezeichnet wird. Trotz der Freude daran, dass hier eine Diskussion über den Wert von Neuinszenierungen von Musicals angeregt wurde, schmerzt es mich unglaublich, dass nun niemand mehr das Ergebnis unserer gemeinsamen, intensiven Auseinandersetzung zu sehen bekommt und das Publikum allenfalls einen nicht von mir erarbeiteten Ausschnitt der Inszenierung mitkriegt.

Der Text, den ich hier direkt nach der Premiere hochgeladen hatte, lautete wie folgt: An Silvester ist die Premiere von RENT am Theater Trier ausverkauft und von Standing Ovations gefolgt über die Bühne gegangen. Auch der Trierer Volksfreund zeigte sich in seiner Kritik begeistert. Das Erarbeiten des einzigen Werks von Jonathan Larson mit einem so profilierten, interessierten und talentierten (und vor allem: sympathischen!) Ensemble war unglaublich bereichernd und - vll. kommt da in mir gerade die vermeintlich US-amerikanische Neigung zu großen Gefühlsbekundungen durch die Auseinandersetzung mit RENT hoch - ich bin wirklich dankbar, diese Erfahrung gemacht haben zu können! Szenenfotos finden sich hier.

Erstellen Sie eine kostenlose Website mit Yola