REGIE - WOZU? 

Oft wird – auch innerhalb der Welt des Theaters – die Gretchenfrage gestellt: Wozu eigentlich Regie? Dieses Phänomen „Regietheater“, das vorrangig in Deutschland auftritt, verstört zunehmend und lässt oft Zuschauer wie Akteure oder andere, an einer Inszenierung Beteiligte, wundern, warum ein Werk nicht einfach „so, wie der Autor es gewollt hat“ auf die Bühne gebracht werden kann. Damit würde dann die Aufgabe des Regisseurs darin bestehen, eine möglichst textgetreue Umsetzungsmöglichkeit für die Bühne zu erarbeiten.

Doch ist das wirklich der Kultur und den Texten selbst förderlich? Zuerst ist dazu zu sagen, dass wir heutzutage gar nicht genau wissen können, was oft gespielte Autoren wie Goethe oder Shakespeare (um nicht von antiken Dramatikern wie Euripides oder Sophokles zu sprechen) mit ihren Dramen im Kontext ihrer historischen Umstände erzählen und erzielen wollten. Wenn nicht gewollt ist, dass Aufführungen zu musealen Veranstaltungen verkommen, dann ist eine Interpretation dringend notwendig. Denn jeder Text „ist klüger als sein Autor“ und kann immer für die aktuelle Lebenssituation des Rezipienten relevant sein – Vorraussetzung dafür ist eben eine technisch gut durchgeführte Interpretation mitsamt entsprechender szenischer Umsetzung (sprich: Inszenierung), deren Stilmittel nicht willkürlich, sondern ohne Ausnahme bewusst eingesetzt werden. Letztendlich ist jeder Darsteller ohnehin Interpret (sic!) seiner Rolle: Die Frage ist nur, wie weit diese Interpretation getrieben wird und wie sinnvoll sie sich in ein Gesamtkonzept einfügen kann.

Trotzdem werden Kritiker auf ihrem Standpunkt beharren bleiben und anführen, dass die Besucherzahlen in Theatern ob der Konkurrenz zu digitalen Massenmedien stetig sinken und somit ein intellektuell verkopftes Theater, das provokante Regieetüden produziert, seiner Aufgabe nicht mehr gerecht werden kann. Dem möchte ich (Wer hätte das gedacht?!) auf das Heftigste widersprechen! Nur Theater, das seine Zuschauer nicht nur über das Vorbeten älterer oder neuerer (Theater-)Texte zu erreichen versucht, kann langfristig bestehen und Akzeptanz finden. Es gilt, einen Wirkensbereich sicherzustellen, in dem Inszenierungen auch trotz TV und Film legitim existieren können. Dieser Bereich ist sicherlich nicht das reine Darstellen von Handlungssträngen, denn diese Technik haben andere Medien inzwischen viel besser ausgearbeitet. Der Reiz des Theater bleibt also erstens die Nähe zwischen Schauspieler und Zuschauer und dann zweitens der Bezug, der zum Leben des Individuums im Publikum hergestellt wird.

Die Frage nach der Art und Weise, wie eine Interpretation umgesetzt werden muss, ist die viel eher zu stellende. Letztlich wird diese Frage nur von jedem Regisseur individuell beantwortet werden können. Ganz subjektiv halte ich persönlich eine Mischung aus einer Interpretation, die über die aktuelle politische und soziale Situation für das Publikum interessant ist und somit viel Assoziationsmöglichkeiten (auch im emotionalen Bereich) bietet, einer möglichst visuell ansprechenden Ästhetik und Schauspiel, das sich auf eine sehr präzise Text- und Sprecharbeit zur differenzierten Verkörperung der Rollen (falls sie ganz unpostdramatisch vorhanden sollten) konzentriert, für den anzustrebenden Weg. Falls darüber hinaus eine Geschichte trotzdem linear erzählt werden kann, bin ich mir sicher, dass Regietheater, in welcher Form auch immer, seine Daseinsberechtigung über alle Anfeindung hinweg behalten wird.


Malte C. Lachmann, Sommer 2009

 

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